Fotos © Trixy Royeck (1), Thorsten Schnorrbusch (12)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

PREMIERE: 12. OKTOBER 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

marquise von merteuil 

evamaria salcher

 

 

 

 

vicomte von valmont 

michael lippold

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

regie: 

katrin lindner

 

 

 

 

bühne und kostüme: 

trixy royeck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nennung für Katrin Lindner als beste Nachwuchsregisseurin für GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN in der Kritikerumfrage 2011 der WELT AM SONNTAG NRW

 

 

 

 

 

Angeblich gibt es keine Liebe zwischen Marquise von Merteuil und Vicomte von Valmont – denn scheinbar vollkommen gefühllos benutzen sie ihre Mitmenschen als Statisten ihrer Intrigen, hinterlassen nichts als Hass und Verzweiflung und sind sich in dieser Disziplin auf schlimmste Weise ebenbürtig. Doch als sich der Vicomte die verheiratete Madame von Tourvel als Opfer wählt, stört das die Pläne der Marquise. Jetzt heißt es, sich zur „unwandelbaren Freundschaft“ bekennen oder die Seite wechseln...

 

 

 

 

 

Am 18. Oktober 1741 in Amiens geboren, schlägt der Aristokratensohn Pierre Ambroise François Choderlos de Laclos eine militärische Laufbahn ein. Nach der Ausbildung zum Artillerieoffizier wird er 1779 auf die Festungsinsel Aix vor Rochefort versetzt. Hier verfasst er den Briefroman GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN. 1782 zunächst anonym veröffentlicht, löst das Buch einen Skandal aus: Als unmoralisch und pornographisch bezeichnet, wird das Werk bis weit ins 19. Jahrhundert immer wieder verboten. Als Klassiker der französischen Literatur hat der Roman bedeutende Regisseure zu Verfilmungen gereizt und auch Heiner Müller zu seiner Adaption QUARTETT inspiriert. – Anders als viele Theater spielen wir nicht die Bühnen- bzw. Filmadaption von Christopher Hampton, sondern halten uns an den Original-Briefroman. Ein besonderes Vergnügen, eine besondere Herausforderung - für zwei Schauspieler!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwei Teufel in Menschengestalt

Frankreich im 18. Jahrhundert. Eine Frau und ein Mann aus den gehobensten Kreisen. Sie gebrauchen die geschmeidigsten Worte. Sie erwecken den glänzendsten Eindruck. Sie verfügen über die vortrefflichste Reputation. Sie sind: Teufel in Menschengestalt. „Man würde mich perfid nennen“, schreibt die Marquise von Merteuil, „und dieses Wort hat mir immer Spaß gemacht; nach dem Worte ,Grausame’ ist es das süßeste Wort für das Ohr einer Frau.“ Worauf der Vicomte von Valmont ihr zugesteht: „Sie sind doch tausendmal schlechter als ich.“ Und dies, natürlich, nicht auf sich sitzen lässt. – Bereits nach zehn Seiten sind wir mittendrin in dem diabolischen Spiel dieser zwei distinguierten Ungeheuer. Versunken und hineingezogen, gefesselt und ergeben ihrer klugen, kühlen, hochkonzentrierten Machenschaften.

Zwischen Soupers und Puderquasten führen sie einen formvollendeten Wett- und Bettkampf um die wollüstigste Verführung, den durchtriebensten Betrug und die rücksichtsloseste Rache. Da sie ihr eigenes Dasein in der Beletage des Ancien Régime so langweilt, suchen sie Abwechslung in erotischen Abenteuern und strategischen Intrigen. Jeder Verrat verschafft ihnen Vergnügen. Prestige bringt, was Leiden schafft. Sie berauschen sich an ihrer Kälte. Und an den zerstörten Leben, die sie hinterlassen.

Liebe heißt dabei das Schachbrett, auf dem sie agieren. Bloß dass „Liebe“ hier nur mehr ein schillernder Spielstein ist, eine rhetorische Waffe statt wahrhaftige Empfindung. Die Marquise von Merteuil ruft den unwiderstehlichen Vicomte zu sich, mit dem sie nicht nur jene Lust am Leid anderer, sondern auch eine intime Liaison verbindet, um ihn mit einem besonders delikaten Auftrag zu betrauen. Er soll – für eine Nacht mit ihr – die „Rosenknospe“ Cécile deflorieren, eine unbedarfte Klosterschülerin von gerade mal 15 Jahren, um so deren zukünftigen Ehemann zu demütigen, der seinerseits die Marquise einst sitzen ließ. Rache wird hier über Bande gespielt. Und der Marquise aktueller Liebhaber, der jugendliche Chevalier Danceny, der wiederum ein Auge auf Cécile geworfen hat, gerät gleich mit zum Spielball. „Es wäre eine Schande“, resümiert die Marquise, „wenn wir nicht täten, was wir wollten, mit zwei Kindern!“ Menschen sind nur mehr Mittel zum Nervenkitzel: „Haben wir unsere Absichten mit ihr erst einmal erreicht, so mag aus ihr werden, was immer kann.“

Doch der Vicomte hat ruhmreichere Pläne. Ein Kind wie Cécile? Zu leichtes Spiel. Der Meistercharmeur will die gläubige, aufrichtig treue Gattin Frau von Tourvel erobern, Verkörperung der Tugend, zum Beweis seines Talents. „Ich werde diese Frau besitzen. Ich werde sie dem Manne wegnehmen, der sie profaniert, ja selbst dem Gotte, den sie anbetet, werde ich sie rauben. Welche Lust, abwechselnd Gegenstand und Besieger ihrer Gewissensbisse zu sein!“ Und: der Mann, der sie doch nur fallen lässt. „Ich werde sie vorführen, wie sie ihre Pflichten und ihre Tugend vergisst, ihren Ruf opfert, um hinter dem Glücke nachzulaufen, mir zu gefallen. Bin ich erst bei diesem Triumph, dann werde ich zu meinen Rivalen sagen: ,Sehet hier mein Werk und suchet im Jahrhundert eines, das ihm nachkommt!’“

So spinnen sich die Kabale und Triebe ein Netz, in das sich die zwei Protagonisten am Ende doch noch selbst verstricken. Wenn auch nicht, weil ihnen etwa ein handwerklicher Fehler unterliefe. Sondern weil sie schließlich doch von ihren wahren Gefühlen – der Liebe, des Stolzes, der Eifersucht – befallen, besiegt und zugrunde gerichtet werden. Gefährliche Liebschaften. Für alle Beteiligten.

Gebannt verfolgt man dieses subtile Ränkespiel, den rokokoschwülstigen Rausch der Sinne und deren Manipulation, die noch so viel mehr ist als nur ein skrupelloses Schurkenstück. Was Pierre Abroise François Choderlos de Laclos 1782 am Vorabend der Französischen Revolution als Abrechnung mit der Verderbtheit der aristokratischen Klassen verfasste, ist nicht weniger als der größte, geschliffenste Briefroman der Weltliteratur. Unentwegt gehen hier die Billets und Briefe hin und her, werden geschrieben und gestohlen, kopiert und diktiert, versteckt und umgeleitet. Jeder korrespondiert mit jedem, nur dass der Leser allein alles weiß: die Täuschungen von Merteuil und Valmont und wie sie sich das Vertrauen ihrer Opfer erschleichen. Mit sprachlicher Raffinesse variiert de Laclos Stil und Ausdruck der Adressaten und Absender. Und der Fall der Marquise und des Vicomtes gerät zur brillant beobachteten Psychoanalyse.

Hier treffen sich zwei intellektuelle Scharfschützen, die glauben, alles zu kontrollieren. Auch ihre eigenen Gefühle: „Wann haben Sie gesehen, dass ich von den Regeln abweiche, die ich mir vorgeschrieben habe?“, fragt die Marquise. „Ich habe sie geschaffen und kann sagen, dass ich mein eigenes Werk bin.“ Ihre Selbstachtung gewinnen sie nur aus dem Triumph über andere – und über einander. Psychologische Kriegstreiber auf dem Schlachtfeld der Liebe, die sich bezirzen und belauern, anstacheln und ausboten. Die von „Feldzügen“ sprechen, wenn sie Verführung meinen, und für die es letztlich nur eine – selbstzerstörerische – Alternative geben kann: „Ihr Geliebter oder Ihr Feind.“ „Siegen oder untergehen.“

Wir werden Zeugen dieses faszinierenden Vernichtungskampfes mit feinstem Florett. Wir verzehren uns nach jeder Parade Riposte, jedem Stich. Wir vergöttern Merteuil und Valmont für ihr grausames Kalkül, ihre Gerissenheit. – Wer von sich sagen kann, ein moralischer Engel zu sein, lasse die Finger von diesem Buch. Alle anderen aber wird es verschlingen.

Aus: DIE 30 SCHÖNSTEN LIEBESROMANE, Edition bücher, 2007

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am ROTTSTR5 Theater setzt man noch auf die großen Gefühle. Sicherlich eines der Erfolgsrezepte dieser gefeierten Bühne. Die junge Regisseurin Katrin Lindner hat ganze Arbeit geleistet und sich nicht auf die bewährte Bearbeitung von Heiner Müller verlassen, sondern den Stoff zu seinem Ursprung zurück geführt. (Bochumer Studentenzeitung)

 

 

 

 

 

Das Stück, bei dem der 400-seitige Briefroman transformiert wurde in eine 30-seitige, dialogische Bühnenfassung, macht die Bühne zum "Schlachtfeld der Liebe". (...) Hier toben sich die perfide Marquise von Merteuil und der unwiderstehliche Vicomte von Valmont mit ihren Intrigen aus. "Geschossen" wird mit Liebesbriefen. "Getroffen" werden einige. (Ruhr Nachrichten)

 

 

 

 

 

Katrin Lindner nimmt den Roman beim Wort, und spielt diese menschlichen Verwicklungen und Verwerfungen genüsslich aus. (WAZ)

 

 

 

 

 

Das Spiel wird mehrfach gebrochen, mal wird der Ablauf von einer grellen TV-Moderation aufgeknackt, dann gibt es eine grobe Porno-Pantomime. Gammelige Autoreifen sind Deko und Mobiliar zugleich, Stofftierchen stellen die weiteren Figuren dar. (WAZ)

 

 

 

 

 

In Kostümen, changierend zwischen dem 18. Jahrhundert und der Gegenwart, bleiben am Ende zerknüllte Papierhaufen übrig und zwei Gestalten, die nicht nur andere zugrunde gerichtet haben, sondern auch sich selbst. Große Tragik, großartig inszeniert. (Ruhr Nachrichten)

 

 

 

 

 

Eine sehr präsente schauspielerische Leistung: Evamaria Salcher als Marquise und Michael Lippold als Vicomte (...) agieren, ob im Reifrock, ob in Unterhose, ob in Freizeitsportlerklamotten, so selbstverständlich ungeniert, als gäbe es (bei aller räumlichen Nähe) eine Distanz zum Publikum gar nicht. (WAZ)

 

 

 

 

 

Evamaria Salcher und Michael Lippold in den Hauptrollen als Marquise und Vicomte spielen intensiv, leidenschaftlich, fesselnd. (Ruhr Nachrichten)

 

 

 

 

 

Das Publikum erlebt zwei distinguierte Ungeheuer im Wetteifer um einen Nihilismus, der in Gestalt des Liebenden auf seine Opfer hinabfährt. (Bochumer Studentenzeitung)

 

 

 

 

 

Im Mittelpunkt stehen wie immer an der Rottstraße der Text und der Mensch. Besonders freuen darf sich das Publikum auf Evamaria Salcher und Michael Lippold. Die beiden phantastischen Schauspieler schenken sich in  ihren Ränken nichts, wenn sie sich auf der Bühne bezirzen und belauern, anstacheln und ausboten und somit zwei der größten Scheusale der Weltliteratur zum Leben erwecken. (...) Chapeau - mehr Theater ist nicht möglich. (Bochumer Studentenzeitung)