|
|
Zwei Teufel in Menschengestalt
Frankreich im 18. Jahrhundert. Eine Frau und ein Mann aus den gehobensten Kreisen. Sie gebrauchen die geschmeidigsten Worte. Sie erwecken den glänzendsten Eindruck. Sie verfügen über die vortrefflichste Reputation. Sie sind: Teufel in Menschengestalt. „Man würde mich perfid nennen“, schreibt die Marquise von Merteuil, „und dieses Wort hat mir immer Spaß gemacht; nach dem Worte ,Grausame’ ist es das süßeste Wort für das Ohr einer Frau.“ Worauf der Vicomte von Valmont ihr zugesteht: „Sie sind doch tausendmal schlechter als ich.“ Und dies, natürlich, nicht auf sich sitzen lässt. – Bereits nach zehn Seiten sind wir mittendrin in dem diabolischen Spiel dieser zwei distinguierten Ungeheuer. Versunken und hineingezogen, gefesselt und ergeben ihrer klugen, kühlen, hochkonzentrierten Machenschaften.
Zwischen Soupers und Puderquasten führen sie einen formvollendeten Wett- und Bettkampf um die wollüstigste Verführung, den durchtriebensten Betrug und die rücksichtsloseste Rache. Da sie ihr eigenes Dasein in der Beletage des Ancien Régime so langweilt, suchen sie Abwechslung in erotischen Abenteuern und strategischen Intrigen. Jeder Verrat verschafft ihnen Vergnügen. Prestige bringt, was Leiden schafft. Sie berauschen sich an ihrer Kälte. Und an den zerstörten Leben, die sie hinterlassen.
Liebe heißt dabei das Schachbrett, auf dem sie agieren. Bloß dass „Liebe“ hier nur mehr ein schillernder Spielstein ist, eine rhetorische Waffe statt wahrhaftige Empfindung. Die Marquise von Merteuil ruft den unwiderstehlichen Vicomte zu sich, mit dem sie nicht nur jene Lust am Leid anderer, sondern auch eine intime Liaison verbindet, um ihn mit einem besonders delikaten Auftrag zu betrauen. Er soll – für eine Nacht mit ihr – die „Rosenknospe“ Cécile deflorieren, eine unbedarfte Klosterschülerin von gerade mal 15 Jahren, um so deren zukünftigen Ehemann zu demütigen, der seinerseits die Marquise einst sitzen ließ. Rache wird hier über Bande gespielt. Und der Marquise aktueller Liebhaber, der jugendliche Chevalier Danceny, der wiederum ein Auge auf Cécile geworfen hat, gerät gleich mit zum Spielball. „Es wäre eine Schande“, resümiert die Marquise, „wenn wir nicht täten, was wir wollten, mit zwei Kindern!“ Menschen sind nur mehr Mittel zum Nervenkitzel: „Haben wir unsere Absichten mit ihr erst einmal erreicht, so mag aus ihr werden, was immer kann.“
Doch der Vicomte hat ruhmreichere Pläne. Ein Kind wie Cécile? Zu leichtes Spiel. Der Meistercharmeur will die gläubige, aufrichtig treue Gattin Frau von Tourvel erobern, Verkörperung der Tugend, zum Beweis seines Talents. „Ich werde diese Frau besitzen. Ich werde sie dem Manne wegnehmen, der sie profaniert, ja selbst dem Gotte, den sie anbetet, werde ich sie rauben. Welche Lust, abwechselnd Gegenstand und Besieger ihrer Gewissensbisse zu sein!“ Und: der Mann, der sie doch nur fallen lässt. „Ich werde sie vorführen, wie sie ihre Pflichten und ihre Tugend vergisst, ihren Ruf opfert, um hinter dem Glücke nachzulaufen, mir zu gefallen. Bin ich erst bei diesem Triumph, dann werde ich zu meinen Rivalen sagen: ,Sehet hier mein Werk und suchet im Jahrhundert eines, das ihm nachkommt!’“
So spinnen sich die Kabale und Triebe ein Netz, in das sich die zwei Protagonisten am Ende doch noch selbst verstricken. Wenn auch nicht, weil ihnen etwa ein handwerklicher Fehler unterliefe. Sondern weil sie schließlich doch von ihren wahren Gefühlen – der Liebe, des Stolzes, der Eifersucht – befallen, besiegt und zugrunde gerichtet werden. Gefährliche Liebschaften. Für alle Beteiligten.
Gebannt verfolgt man dieses subtile Ränkespiel, den rokokoschwülstigen Rausch der Sinne und deren Manipulation, die noch so viel mehr ist als nur ein skrupelloses Schurkenstück. Was Pierre Abroise François Choderlos de Laclos 1782 am Vorabend der Französischen Revolution als Abrechnung mit der Verderbtheit der aristokratischen Klassen verfasste, ist nicht weniger als der größte, geschliffenste Briefroman der Weltliteratur. Unentwegt gehen hier die Billets und Briefe hin und her, werden geschrieben und gestohlen, kopiert und diktiert, versteckt und umgeleitet. Jeder korrespondiert mit jedem, nur dass der Leser allein alles weiß: die Täuschungen von Merteuil und Valmont und wie sie sich das Vertrauen ihrer Opfer erschleichen. Mit sprachlicher Raffinesse variiert de Laclos Stil und Ausdruck der Adressaten und Absender. Und der Fall der Marquise und des Vicomtes gerät zur brillant beobachteten Psychoanalyse.
Hier treffen sich zwei intellektuelle Scharfschützen, die glauben, alles zu kontrollieren. Auch ihre eigenen Gefühle: „Wann haben Sie gesehen, dass ich von den Regeln abweiche, die ich mir vorgeschrieben habe?“, fragt die Marquise. „Ich habe sie geschaffen und kann sagen, dass ich mein eigenes Werk bin.“ Ihre Selbstachtung gewinnen sie nur aus dem Triumph über andere – und über einander. Psychologische Kriegstreiber auf dem Schlachtfeld der Liebe, die sich bezirzen und belauern, anstacheln und ausboten. Die von „Feldzügen“ sprechen, wenn sie Verführung meinen, und für die es letztlich nur eine – selbstzerstörerische – Alternative geben kann: „Ihr Geliebter oder Ihr Feind.“ „Siegen oder untergehen.“
Wir werden Zeugen dieses faszinierenden Vernichtungskampfes mit feinstem Florett. Wir verzehren uns nach jeder Parade Riposte, jedem Stich. Wir vergöttern Merteuil und Valmont für ihr grausames Kalkül, ihre Gerissenheit. – Wer von sich sagen kann, ein moralischer Engel zu sein, lasse die Finger von diesem Buch. Alle anderen aber wird es verschlingen.
Aus: DIE 30 SCHÖNSTEN LIEBESROMANE, Edition bücher, 2007
|
|