Nirgendwo sind die großen Häuser dichter gesät als im Ruhrgebiet. Wer in Bochum von Theater spricht, der meint das überregional bekannte Schauspielhaus. Oder die kleine Off-Bühne in der Rottstr. 5.

 

Während die Alteingesessenen mit glänzenden Augen von den großen Zeiten mit Zadek, Peymann und Haußmann schwärmen, erspielt sich eine kleine Truppe junger, professioneller Theatermacher in der Rottstraße den Ruf als eine der kreativsten und ambitioniertesten Bühnen im Ruhrgebiet. Abseits öffentlicher Subventionen, Kulturhauptstadt-Theaterdonner und dem Schein prachtvoller Bauten, wohlgemerkt.

Schon der Blick auf den Spielplan überrascht: nicht die in diesem Format üblichen ein, zwei Stücke an den Wochenende sind gelistet. Nein, über 20 Veranstaltungen traut sich die Bühne im Monat zu. Ein schier unglaubliches gutes halbes Dutzend Eigenproduktionen werden gegeben, dazu mehrere Gastspiele anderer Theatermacher, Lesungen, Konzerte und ein Bingoabend mit Livemusik. Kann das gehen? So ganz jenseits etablierter Strukturen, den Fleischtöpfen der Kulturförderung und den Feuilletons?

 

 

 

 

Wer dies herausfinden will, muss seinen Einsatz bringen. Die Bühne findet sich in einem dunklen Hinterhof im schmuddligsten Teil der Stadt. Eine Hotelruine und ein Asia-Shop nehmen die Sicht. Gleich um die Ecke liegt der “Eierberg”, das dem Schauspielhaus an Bekanntheit mindestens ebenbürtige Rotlichtviertel Bochums. Hier an den Pforten zur Halbwelt hat sich das Theater in einen notdürftig instandgesetzten S-Bahn-Bogen eingemietet. Kaum 40 Plätze auf alten Kinosesseln und Sofas bietet das dumpfe Gewölbe. An der Kasse steht Hans Dreher, Mitglieder der  künstlerischen Leitung und einer der vier an der Bühne arbeitenden Regisseure. Am Schauspielhaus hat er auch schon inszeniert. Jetzt steht er fast jeden Abend hier, verkauft Eintrittskarten und Bier in Flaschen, das er von der Trinkhalle gegenüber holt. Die Afri-Cola kostet 1 Euro. Mehr Bohéme geht nicht.

Heute wird NACH TROJA II (INSEL) gegeben, eine Eigenproduktion aus einem dreiteiligen Zyklus. Ich bin gespannt - und werde völlig überwältigt. Magdalena Helmig, Oliver Möller und Arne Nobel spielen sich die Seele aus dem Leib. Authentisch und dicht, voller Kraft und Intensität  erzählen sie die alte Geschichte ausgebrannter und seelisch  verkrüppelter Soldaten auf der Suche nach dem Sinn in ihrem zusammengeschossenen Leben. ”Eine Philoktet-Variante auf LSD” wird das Stück im Leporello genannt. Guter Stoff. Mit dem Verlöschen der Lichter wird der Mythos mit atemberaubender Geschwindigkeit in die nicht weniger blutige Gegenwart katapultiert und verschmilzt mit Joseph Conrads HERZ DER FINSTERNIS, Coppolas APOCALYPSE NOW und dem täglichen Wahnsinn in Afghanistan und Irak zu beeindruckendstem Antikriegs-Theater. Dabei kommt die Inszenierung ganz ohne die schreiende Skandalinszenierung aus. Das Stück lebt alleine von seinen Protagonisten. Und hier sind keine Hobbyschauspieler am Werk, sondern zweifelsohne die Absolventen der Meisterklasse. Nach nur 75 Minuten verlasse ich völlig erschöpft, aber glücklich den dunklen Keller. Was für eine Entdeckung!

 

 

 

 

Innerhalb einer Woche bin ich noch zweimal in dieses Independent-Juwel gegangen, nur um mich noch stärker begeistern zu lassen. Jetzt spiele ich mit dem Gedanken, ”Rottstraßen-Ultra” zu werden und mir für 100 Euro im Jahr halben Eintritt und ein Freigetränk bei jedem Besuch zu sichern. [Anm. d. Theaterleitung: Das Freigetränk gibt’s immer - nur als ULTRA zahlt man den halben Eintrittspreis!] Garantiert ein lohnendes Geschäft. Nicht nur wirtschaftlich. Denn hier wird keine Kultur verwaltet, hier wird mit höchstem persönlichen Einsatz, Unbedingtheit und aggressivem Anspruch Theater gelebt. Definitiv empfehlenswert. Falk Ebinger

 

Ein Hinterhof in einem ehemaligen Künstleratelier, nachts. Hier ist die neue Off-Bühne ROTTSTR5 Theater eröffnet worden. Arne Nobel und Dagny Dewath feiern ihre Premiere von S. – REQUIEM FÜR SYLVIA PLATH. Zuschauer und Theatermacher trinken, diskutieren, lachen.

 

Arne: Schau dir die Leute an! Begeistert.

Dagny, erleichtert: Ja, ich bin echt froh.

Arne: Es wird auch intensiv diskutiert.

Dagny: Ich weiß, ich geh gleich mal dorthin.

Arne: Bei uns kann man sich eben nicht verstecken. Das ist unser Prinzip, dass wir Künstler uns immer nach den Vorstellungen, nicht nur bei Premieren, bei einem Bier mit den Zuschauern austauschen.

Dagny: Das finde ich wunderbar. Gerade, wenn ich hinter einer Arbeit stehe, interessiert mich, warum sie anderen vielleicht nicht gefällt.

Arne: Für mich ist Theater das einzige wirklich kommunikative Medium. Nur hier kann man als Zuschauer direkt auf die Künstler treffen. Diese Offenheit soll unser Theater prägen. Ich erinnere mich noch, als Imogen Kogge bei uns eine Lesung veranstaltete, meinte sie später, sie habe noch nie ein so tolles Gefühl, noch nie solch eine Nähe zum Publikum gehabt wie hier.

Dagny: Jetzt aber erst mal ein Sektchen!

 

Man hört die ehemalige Nokia-Bahn auf den Gleisen oberhalb des Theaters vorbeirollen.

Dagny: Dieser Zug!

Arne: Es ist halt ein ganz besonderer Ort.

Dagny: Auch der Bühnenraum ist super. Wie eine Höhle. Und doch frei.

Arne: Echter Beton, echter Stein.

Dagny: Authentisches Material.

Arne: So soll es sein. Wir machen pures Theater ohne große Effekte. Ich nenne das neoromantisch. Gerade in einer überdigitalisierten Welt sehnen sich die Leute wieder nach puren Emotionen.

Dagny: Aber würdest du nicht doch lieber am Stadttheater inszenieren? Immerhin hast du einige Jahre am Bochumer Schauspielhaus gearbeitet.

Arne: Bei uns liegt der Fokus auf den Schauspielern und dem Text. Manchmal anstrengend, aber immer eine Herausforderung. Ich habe noch nie so genau mit Texten gearbeitet wie hier. Auch wenn das hier finanziell Freibeuterei ist. Wir kriegen nicht einen Cent von der Stadt. Alles machen wir selbst: Malen, Bauen, Plakate, Internet. Jede Eintrittskarte zählt.

Dagny: Als ich an der Uni Plakate verteilt habe, da dachte ich: Wie geil! Ich erschaffe hier was, ich bin Teil von etwas Neuem. Das gibt noch mal mehr Energie und Kraft.

Arne: Vielleicht klingt das kitschig – aber so bin ich eben: Für mich gibt es nichts Schöneres, als mitzuerleben, wie Leute, die hier arbeiten, darin aufgehen. Es selber zu machen und es zu können. Und zu erleben, Kult zu werden! In andere Städte zu kommen und begrüßt zu werden: „Ach, du bist der von der Rottstraße, toll!“

 

Dagny: Nur Gage gibt es keine.

Arne: Alles fließt zurück in den Laden. Klar, irgendwann sind die Darlehen bei unseren Freunden und Familien aufgebraucht. Aber auch große, berühmte Künstler, die hier spielen werden, kommen wegen dieses Geistes. Hier treten nur Leute auf, die wirklich Lust haben, diese Kunst „Theater“ auszuüben.

Dagny: Stimmt, es fängt immer bei einem selber an. Sylvia Plath: „Für Geld setzt man sich nicht an die Schreibmaschine.“ Herzblut! Darum geht’s.

Arne: Ich sehe hier Theater, das ich woanders nicht sehe. Hoffentlich etablieren wir uns nicht zu sehr. Auch in fünf Jahren möchte ich noch das sein, was wir, glaube ich, jetzt sind: das mutigste Theaterprojekt in Deutschland.

Die Bahn rollt vorbei. Am Himmel leuchtet der Morgenstern.