mit 

timor isik

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

regie: 

oleg myrzak

 

 

 

 

 

 

 

 

 

GASTSPIEL

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die spannende Frage, wie man Gogols zwischen Groteske und Alltagsgrauen pendelnden Text inszenieren kann, beantwortete die Berliner Produktion mit Normalität. Das Abgleiten des Beamten in den Wahn wurde als eine individuelle Form der Weltsicht gezeigt, auf die Übertragung in ein manisch-depressives Krankheitsbild und damit einen gewissen Realitätsbezug verzichtet. Also keine rauschhaft-manischen Energieausbrüche, die den Beamten in die Identität des spanischen Königs Ferdinand VIII. davon reißen. Keine abgrundtiefe Antriebslähmung, als die Torturen in der Irrenanstalt ihn zerstören. Timur Isik wird nur einige Male laut auf der Bühne, wenn Zorn in ihm durchbricht. Doch die bescheidene Pose überwiegt, allenfalls still überlegene Bauernschläue billigt er seinem Beamten zu. Der erzählt mit grinsender Genugtuung von der stummen Verblüffung der Kollegen, als er die Akten mit »Ferdinand VIII.« unterzeichnet. Isiks stärkstes Stilmittel sind diverse Leuchten: Mit einer LED-Kopflampe in der Hand strahlt er sein Gesicht von unten an und bereichert die Mimik mit Licht-Schatten-Spielen. Eine Neonröhre unterm Bett und eine Petroleumlampe komplettieren das Licht-Repertoire. Zwischen den einzelnen Tagebucheinträgen, in die Gogols Text gegliedert ist, herrscht Dunkelheit: neues Licht, neues Kapitel. Einzig die Übernahme der neuen Identität als König packen Isik und Myrzak in ein außergewöhnliches Licht-Klang-Spektakel, eine Mischung aus Pathos und Kinderspiel: Zu heroischen Symphonieklängen, unterlegt mit Kanonendonner, dirigiert der Schauspieler das imaginäre Orchester mit zwei Funken sprühenden Mini-Lichtschwertern. Musik ist auch das Ausdrucksmittel der Schlussszene: Als der gepeinigte Irre sich aus der imaginären spanischen Inquisition in die russische Heimat zurück fantasiert und seine Mutter um Schutz anfleht, erklingt wehmütiger russischer Gesang. Isik dreht die Petroleumlampe herunter und pustet sie zum letzten Ton aus. (Reutlinger Anzeiger)